Konferenz Hinckley

„Der Seher Joseph”
Präsident Gordon B. Hinckley, fünfzehnter Präsident der Kirche
Der Stern, Oktober 1977, S. 66

Viele von uns haben mit Genugtuung gelesen und gesehen, was vor kurzem in Zeitschriften und im Fernsehen an Lobenswertem über die Kirche gesagt worden ist.

So hat zum Beispiel letzten Monat eine der größten Zeitschriften der USA anerkennend über die Lebensweise der Mormonen geschrieben — eine Lebensweise, die den Genuss von Tabak, Alkohol, Schwarzem Tee und Kaffee ablehnt und dagegen zu Körperertüchtigung ermuntert. Dann brachte das Fernsehen eine Sendung über unser enormes Genealogieprogramm. Und es hat noch andere positive Darstellungen gegeben: über die Organisation der Kirche, über unser Wohlfahrtsprogramm und über den Familienabend.

Aber in allen diesen Darstellungen fehlt fast jegliche Erwähnung des Ursprungs dieser Besonderheiten oder die Gründe dafür.

Außerdem wird in einigen Veröffentlichungen der jüngsten Zeit die These vertreten, dass dies nichts mit der Entstehung und Entwicklung einer von Gott gegründeten Kirche zu tun habe; sondern dass dies nur eine natürliche Reaktion auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse sei.

Ein Bekannter hat neulich zu mir gesagt: „Ich bewundere Ihre Kirche sehr. Ich glaube, ich könnte alles daran akzeptieren — außer Joseph Smith.” Worauf ich erwiderte: „Das ist ein Widerspruch. Wenn Sie die Offenbarung akzeptieren, müssen Sie auch den Offenbarer akzeptieren.”

Es ist für mich immer wieder ein Rätsel, wie einige Leute mit Bewunderung von der Kirche und ihrer Arbeit sprechen, dabei aber gleichzeitig geringschätzig von dem Mann reden, durch den als Diener des Herrn der Rahmen für all das geschaffen wurde, was die Kirche heute ist, was sie lehrt und wofür sie eintritt. Sie möchten gerne die Frucht vom Baum pflücken, aber gleichzeitig die Wurzel abschneiden, aus der der Baum wächst.Das sogenannte Gesundheitsgesetz der Mormonen, das heute angesichts von Krebs- und Herzforschung so viel gelobt wird, ist in Wahrheit eine Offenbarung, die Joseph Smith 1833 als ein „Wort der Weisheit” vom Herrn erhalten hat (LuB 89:1). Es ist unvorstellbar, dass dieses Wort der Weisheit der Literatur der damaligen Zeit über Ernährung entsprungen sein könnte oder dass es der Mann ausgedacht hat, der es veröffentlicht hat. Heute ist es nach den Maßstäben der medizinischen Forschung ein Wunder, denn die Einhaltung dieses Gebotes hat Zehntausenden unvorstellbares Leid und einen zu frühen Tod erspart.

Nach Alex Haleys Buch „Boots” wird die genealogische Forschung plötzlich zu einem beliebten Hobby. Die Augen ungezählter Menschen aus aller Welt sind nun auf die Schatzkammer für genealogische Daten gerichtet, wie man das Genealogieprogramm der Mormonen bezeichnet hat. Aber dieses gewaltige Programm der Kirche ist nicht einem Hobby entsprungen. Es ist vielmehr die konsequente Durchführung von Lehren Joseph Smith’, des Mormonenpropheten. Er hat nämlich gesagt, dass wir ohne unsere Vorfahren nicht erlöst werden können — ohne all die Menschen, die das Evangelium nicht gekannt haben und deshalb seine Bedingungen nicht erfüllen und seine Möglichkeiten nicht wahrnehmen konnten.

Die bemerkenswerte Organisation der Kirche, die soviel Beachtung gefunden hat, wurde in ihrer Grundstruktur von Joseph Smith geschaffen, wie er durch Offenbarung geführt wurde, und noch heute wird keine Änderung oder Anpassung dieser Organisation an die heutigen Verhältnisse erwogen, ohne vorher in den Offenbarungen zu forschen, die der Prophet aufgeschrieben hat.

Selbst das Wohlfahrtsprogramm, das einige gerne als neueren Ursprungs sehen wollen, basiert und arbeitet streng nach Grundsätzen, die Joseph Smith gleich zu Beginn der Kirche verkündet hat. Das gleiche gilt auch für den Familienabend, der nichts anderes ist, als die Ausführung einer Offenbarung über die Verantwortung der Eltern, ihre Kinder „im Licht und in der Wahrheit zu erziehen (LuB 93:40)”.

Vor nicht allzu langer Zeit kam ich im Flugzeug mit einem jungen Mann ins Gespräch, der neben mir Platz genommen hatte. Wir streiften das eine oder andere Thema und kamen schließlich auf die Religion zu sprechen. Er sagte, er habe schon ziemlich viel über die Mormonen gelesen und vieles gefunden, was er an ihrer Lebensweise und ihren Gewohnheiten bewundere. Er habe aber eine ganz entschiedene Meinung hinsichtlich der Geschichte des Ursprungs der Kirche und besonders, was Joseph Smith betrifft. Er war aktives Mitglied einer anderen Kirche, und als ich ihn fragte, wo er seine Informationen über die Mormonen herhabe, sagte er, er habe sie aus Veröffentlichungen seiner eigenen Kirche. Darauf fragte ich ihn, für welche Firma er arbeite. Er antwortete stolz, er sei Verkaufsrepräsentant für IBM. Ich fragte ihn dann, ob er es fair fände, wenn seine Kunden von einem Repräsentanten der Firma Xerox etwas über die Qualitäten der IBM-Produkte erführen. Er erwiderte lächelnd: „Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen.”

Ich nahm ein Exemplar des Buches ,Lehre und Bündnisse’ aus meiner Tasche und las ihm Worte des Herrn vor, die er durch den Propheten Joseph Smith gesprochen hatte. Darin nämlich ist der Ursprung der Lebensgewohnheiten und Bräuche zu finden, die dieser junge Mann an uns bewundern gelernt hat, während er den Mann, durch den sie gekommen sind, geringschätzt. Bevor wir uns verabschiedeten, versprach er mir, die Literatur zu lesen, die ich ihm schicken wollte. Ich versprach ihm, wenn er diese gebeterfüllt lesen würde, würde er nicht nur erfahren, dass diese Lehren und Gebräuche, die ihn interessiert haben, auf Wahrheit gegründet sind; er würde auch die Gewissheit erlangen, dass der Mann, durch den sie hervorgekommen sind, von Gott berufen worden sei. Ich bezeuge ihm, dass ich wüsste, dass Joseph Smith ein von Gott berufener Prophet ist.

Wir machen den Propheten nicht zum Gegenstand unserer Anbetung. Wir beten Gott, unseren ewigen Vater, und den auferstandenen Herrn, Jesus Christus, an. Aber wir erkennen den Propheten an, wir verkünden ihn, wir achten ihn und wir ehren ihn als ein Werkzeug in der Hand des Allmächtigen. Er war ein Werkzeug, durch das die früher schon bekannten Evangeliumswahrheiten auf Erden wiederhergestellt wurden und außerdem das Priestertum, durch das die Vollmacht Gottes in den Angelegenheiten seiner Kirche und zum Segen seines Volkes ausgeübt wird.

Die Geschichte Joseph Smith’ ist die Geschichte eines Wunders. Er wurde in Armut geboren. Er wuchs unter schwierigsten Umständen auf. Er wurde von Ort zu Ort getrieben, fälschlich beschuldigt und angeklagt und ungesetzlich ins Gefängnis geworfen. Er war erst 38 Jahre alt, als er ermordet wurde. Aber in der kurzen Zeitspanne von zwanzig Jahren, die seinem Tod vorausgingen, hat er ein Werk geschaffen, das kein anderer Mensch in einem langen Leben geschaffen hat. Er hat das Buch Mormon ins Englische übertragen und veröffentlicht, ein Buch von etwa 500 Seiten, das seither in über zwanzig Sprachen übersetzt worden ist und das von Millionen in aller Welt als Wort Gottes anerkannt wird. Die Offenbarungen, die Joseph Smith noch empfangen hat, und anderes, was er niedergeschrieben hat, sind für diese Millionen ebenfalls heilige Schrift. Insgesamt ist das fast so viel wie das ganze Alte Testament, und es ist alles im Zeitraum von wenigen Jahren durch den einen Mann hervorgekommen.

Gleichzeitig hat er eine Organisation geschaffen, die seit fast eineinhalb Jahrhunderten jeder Erprobung und Anforderung standgehalten hat. Diese Organisation ist heute bei der Führung von über 3,5 Millionen Mitgliedern in aller Welt ebenso wirksam wie vor 145 Jahren bei einer Mitgliederzahl von 3000. Das für die Zweifler, die sich aufs äußerste bemüht haben, diese bemerkenswerte Organisation als ein Produkt der Zeit zu erklären, in der Joseph Smith gelebt hat. Ich sage aber, dass diese Organisation damals ebenso einzigartig und bemerkenswert war, wie sie es heute noch ist. Sie war kein Produkt der damaligen Zeit. Sie ist eine Offenbarung von Gott.

Joseph Smith’ Vision von der unsterblichen Wesenheit des Menschen reichte von einer Existenz vor der Geburt bis in die Ewigkeit jenseits des Grabes. Er lehrte, dass die Erlösung in dem Sinne universell ist, dass alle Menschen durch das von Christus gewirkte Sühnopfer Nutznießer der Auferstehung sein werden. Aber über diese freie Gabe hinaus gibt es die Bedingung des Gehorsams gegenüber den Evangeliumsgrundsätzen und darauf die Verheißung eines glücklichen Lebens und der Erhöhung.

Das von ihm verkündete Evangelium war in seiner Anwendbarkeit auch nicht auf seine eigene und zukünftige Generationen beschränkt. Joseph Smith umfasste in seinem Geist, dessen Lehrmeister der Gott des Himmels war, die ganze Menschheit von den frühesten Zeiten an bis zum Ende. Die Toten müssen ebenso wie die Lebenden die Möglichkeit haben, an den Grundsätzen und heiligen Handlungen des Evangeliums teilzuhaben.

Der Apostel Petrus hat geschrieben: „Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, auf dass sie zwar nach der Menschen Weise am Fleisch gerichtet werden, aber nach Gottes Weise im Geist das Leben haben(1. Petr. 4:6).” Was die Toten betrifft, muss es ein stellvertretendes geistliches Wirken für sie geben, wenn sie nach der Menschen Weise im Fleisch gerichtet werden sollen; und dazu müssen sie zunächst einmal identifiziert werden. Das ist der Grund für das große genealogische Programm der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Dieses Programm wurde nicht geschaffen, um irgendeinem Hobby nachzugehen, sondern um die ewigen Absichten Gottes zu erfüllen.

In den zwanzig Jahren vor seinem Tod hat Joseph Smith außerdem noch ein Programm in Bewegung gesetzt, wodurch den Völkern der Erde das Evangelium gebracht werden sollte. Ich staune immer wieder darüber, mit welcher Kühnheit er dabei vorgegangen ist. Selbst in den frühesten Tagen der Kirche, in Zeiten großer Verfolgung, wurden Männer berufen, ihr Zuhause und ihre Familie zu verlassen, über den Ozean zu fahren und die Wiederherstellung des Evangeliums Jesu Christi zu verkünden. Mit seinem Geist umfasste er visionär die ganze Erde.

Und heute sitzen hier in dieser Halle Menschen aus Nord-, Mittel- und Südamerika, von den Britischen Inseln und aus Afrika, aus den Ländern Europas, von den Inseln des Pazifik und aus den alten Ländern Asiens. Sie alle, die sie von fern und nah gekommen sind — sie sind die Erfüllung der Vision Joseph Smith’, des Propheten Gottes. Er war in der Tat ein großer Seher, der unsere Zeit und noch größere Tage, die noch vor uns liegen — wo das Werk des Herrn noch weiter über die Erde voranschreitet — vorausgesehen hat.

Diese wunderbare Blüte würde die Männer in Erstaunen versetzen, die mit geschwärzten Gesichtern in einem feigen Angriff auf den wehrlosen Propheten geschossen und ihn an jenem düsteren Tag im Juni 1844 ermordet haben. Es würde auch Gouverneur Thomas Ford vom Staate Illinois in Erstaunen versetzen, der sein Wort gegeben hatte, den Propheten zu beschützen, und der ihn dann der Gnade eines gnadenlosen Pöbels überlassen hatte. Es war der gleiche Thomas Ford, der in seiner Geschichte geschrieben hat, dass Joseph Smith „niemals ein System würde schaffen können, das auf Dauer von Erfolg gekrönt sein könne(Thomas Ford, A History of Illinois … , zitiert in B. H. Roberts, Comprehensive History of the Church, 2:347. ).”

Es ist der gleiche Thomas Ford, der heute weitgehend vergessen in einem abseitsgelegenen Teil des Friedhofs von Peoria, Illinois, liegt, während der Mann, dem er keinen Erfolg zugetraut hatte, mit Dankbarkeit von vielen Menschen auf der ganzen Erde verehrt wird.

Als ich ein Junge von zwölf Jahren war, ‘nahm mich mein Vater zu einer Pfahl-Priestertumsversammlung mit. Ich saß in der hintersten Reihe, während er als Präsident des Pfahls vorne auf dem Podium saß. Zu Beginn der Versammlung, der ersten dieser Art, der ich beigewohnt hatte, waren drei- oder vierhundert Männer aufgestanden. Es waren Männer von ganz unterschiedlicher Herkunft und aus verschiedenen Berufen, aber jeder trug in seinem Herzen dieselbe Überzeugung, aus der heraus sie diese erhabenen Worte sangen :

„Preiset den Mann, der verkehrt mit Jehova!
Der ein Prophet war von Christus ernannt.
Der von dem Geiste erfüllt prophezeite
nahes Gericht jedem Volke und Land(5).”
(Hymns, Nr. 17.)

Etwas geschah in mir, als ich diese glaubensstarken Männer jene Worte singen hörte. In mein jugendliches Herz pflanzte sich ein Wissen — vom Heiligen Geist dort geweckt, dass Joseph Smith wirklich ein Prophet des Allmächtigen war. In den vielen Jahren, die seitdem vergangen sind, Jahre, in denen ich viel von seinen Worten und Werken gelesen habe, ist dieses Wissen stärker und immer sicherer geworden. Es ist mein Recht und meine Pflicht gewesen, in unserem Land von Küste zu Küste und auf anderen Kontinenten im Norden und im Süden und im Osten und Westen Zeugnis davon abzulegen, dass Joseph Smith ein Prophet Gottes war und ist — ein machtvoller Diener und Zeuge des Herrn Jesus Christus.

„Glorreicher Mann, dem der Priesterschaft Weihe
wieder als erstem hier wurde zuteil,
schmeckt dort, mit allen Propheten vereinigt,
Frieden und Freude und ewiges Heil.”
(Gesangbuch Nr. 17.)

Dieses Zeugnis bekräftige ich vor Ihnen heute erneut. Und ich bestätige zugleich, dass der Mann, der hier auf dieser Konferenz präsidiert, der gesetzmäßige Nachfolger des Propheten ist, von dem ich gesprochen habe. Ich weiß das, und ich bezeuge es Ihnen im Namen dessen, dessen Zeuge Joseph Smith gewesen ist und dessen Zeuge auch ich bin, ja, im Namen des Herrn, Jesu Christi, amen.

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